Die verlängerte Hand: Von Zangen, Zähnen und Zuckerdosen

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Ausstellungsansicht Schallaburg, Der Hände Werk, Foto Klaus Pichler
Ausstellungsansicht Schallaburg, Der Hände Werk, Foto Klaus Pichler
Die verlängerte Hand: Von Zangen, Zähnen und Zuckerdosen
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Ohne Werkzeuge wäre Handwerk undenkbar. Wenn die Hände nicht mehr weiterkönnen, schlägt die Stunde der Werkzeuge. Aber woher kommen sie eigentlich und was bedeuten Werkzeuge für uns, außer einfach ein Hilfsmittel zu sein? Eine Spurensuche.

Eines der ältesten Werkzeuge der Welt ist die Zange: seit mehr als 4.000 Jahren sind Zangen durch archäologische Funde nachweisbar. Im alten Ägypten verwendete man Zangen, um heiße Gegenstände zu bewegen. Diese ersten Zangen waren in unserem Sprachgebrauch eigentlich Pinzetten.

Einfachen Schmiedezange. Foto: wikipedia

Gelenkzangen kennen wir aus der griechischen Geschichte, sie sind wohl etwa 2500 Jahre alt. Seitdem hat sich das Werkzeug „Zange“ unglaublich vielseitig entwickelt.

Ein geniales Prinzip

Was die Zange besonders macht, ist ihr Prinzip: Im Unterschied zu vielen anderen Werkzeugen ist die Zange nicht auf einen Einsatzbereich beschränkt. Haushalt, Industrie, Handwerk, Medizin – überall kommen Zangen zum Einsatz. Dabei haben sie ganz verschiedene Aufgaben: Sie können greifen, schneiden, formen und halten. Flachzangen, Greifzangen, Beißzangen, Abisolierzangen, Kombinationszangen, Lochzangen, Seitenschneider und Rohrzangen sind Beispiele aus Industrie und Handwerk.

Was die Zange bestimmt, ist nicht ihre Aufgabe, sondern ihre Funktionsweise. Zwei Schenkel werden mit Muskelkraft zusammengepresst. Ein geniales Prinzip, das mit der Gelenkzange noch verbessert werden konnte, denn die Wirkungskraft steigt mit dem effizienten Krafteinsatz.

Ein Schwede, ein Franzose, ein Engländer

Der schwedischen Ingenieur Johan Petter Johanson. Foto: Wikipedia

Oft braucht es nur eine einzige geniale Idee, um solche einfachen Werkzeuge entscheidend weiter zu entwickeln – und damit auch reich zu werden. Dem schwedischen Ingenieur Johan Petter Johanson gelang dieses Kunststück: Er erfand Ende des 19. Jahrhunderts die Stellschraube, mit der ein Schenkel eine Zange so fixiert werden kann, dass der Krafteinsatz beim Greifen stark reduziert wird. Die „Rohrzange“ war geboren.

 

 

 

Eine Eckrohrzange S-Maul aus dem aktuellen Würth Sortiment. Foto: Würth

Wirtschaftlich hatte Johansson damit ausgesorgt: Sein Patent wurde in viele Länder verkauft und dort jeweils anders umgesetzt. In England wurde aus Johanssons Prinzip eine spezielle Klemmzange, mit der Sechskant-Schrauben gelöst und angezogen werden konnten.

 

Ein bekanntes Zeichen für Werkstätten; Foto: Wikipedia

Die Zange ist uns nicht nur aus Werkstätten vertraut: Auch auf dem österreichischen Verkehrszeichen für Autorwerkstätte ist ein Engländer zu sehen.

 

 

 

Der „Engländer“. Foto: Wikipedia
Der „Franzose“. Foto: Wikipedia

In Frankreich, wo andere Normen galten, wurde Johansons Prinzip anders umgesetzt. Statt nur einem Maul, mit dem man greifen und drehen konnte, entwickelte man dort zweiseitige Werkzeuge. Der „Franzose“ hat daher seinen Namen.

 

Rollgabelschlüssel; Foto: Wikipedia

 

 

Übrigens: Auch wenn es sich hartnäckig hält: Der „Rollgabelschlüssel“ ist kein Engländer.

 

 

Die schwedische Herkunft ist der Rohrzange übrigens geblieben: Bis heute kennt man sie auch als „Schwedenzange“.

Ein moderner Einmaulschlüssel (verstellbar). Foto: Würth

Die Zange als Symbol

Hephaistos. Foto: Wikipedia

Einfache Werkzeuge sind mehr als Arbeitsmittel. Wenn wir bestimmte Werkzeuge sehen, verbinden wir damit Bilder und Geschichten. Die Kunstgeschichte nennt die Deutung solcher Erzählungen „Ikonographie“. Sie ist die Sprache der Bilder. Besonders in Zeiten, in denen nicht alle Menschen lesen konnten, waren solche sprechenden Bilder wichtig.

Das kennen wir schon aus der Antike: Der griechische Gott Hephaistos hält auf manchen Darstellungen eine Zange in der Hand. Das Werkzeug macht ihn als Schmied erkennbar. Die alten Griechen verbanden damit viele Geschichten, die durch solche Bilder abrufbar wurden. Auch die christliche Kirche hat dieses Prinzip übernommen. Selbst in Kirchen kann man heute Zangen finden. Eine Frau, die eine Zange in der Hand hält: Das ist die hl. Apollonia.

Hl. Appolonia Franzisco de Zurbaran. Foto: Wikipedia

Sie war eine frühchristliche Märtyrerin, die im dritten Jahrhundert nach Christus wegen ihres Glaubens sterben musste. Angeblich erlitt sie den „Märtyrertod“, indem man ihr alle Zähne zog – mit einer Zange. Um sie für die Kirchgänger erkennbar zu machen, versah man seit dem frühen Mittelalter Darstellungen der hl. Apollonia mit einer Zange. Da man nicht wusste, wie sie ausgesehen hatte, und viele Menschen auch nicht lesen konnten, war das der beste Weg, sie erkennbar zu machen. Der Volksglaube des Mittelalters machte sich diese Darstellungsform zunutze: Aus der mit der Zange gequälten Märtyrerin wurde die Schutzheilige aller Dentisten und Zahnbehandler – und auch aller Zahnwehkranken.

Zangen und Essen

Für Milliarden von Menschen ist eine spezielle Form der Zange ihr wichtigstes Besteck: Die „Stäbchen“, mit denen in Asien gegessen wird, sind auch nichts anderes als eine Zange. Das Prinzip entspricht jenem der Feststellzange: Eines der beiden Stäbchen wird zwischen Daumen und Zeigefinger fixiert, der zweite „Zangenschenkel“ bleibt flexibel.

Tischsitten kennen auch anderswo verschiedenste Zangen. Beim Grillen, für den Salat oder als Zuckerzange bewähren sich solche Gerätschaften bis heute. Dass die Zuckerzange zum Inbegriff vornehmen Lebens wurde, verdanken wir übrigens hauptsächlich dem Preis des Rohstoffs. Weil Zucker lange fast unverschämt teuer war, wurde er im bürgerlichen Haushalt des 19. Jahrhunderts in Dosen gelagert – und versperrt. Nur die Hausfrau oder der Hausherr verfügten über den Schlüssel zur Dose. Mit der Zange wurden dann die wertvollen Würfelzuckerstücke entnommen.

Umdeutungen und High-Tech

Manchmal erlebt ein altes Werkzeug eine unerwartete Renaissance. Ärzte verwendeten seit dem 19. Jahrhundert „Zungenzangen“, um im Rachenraum operieren zu können, oder die Zunge selbst zu untersuchen. In den letzten dreißig Jahren erlebte das Werkzeug eine unerwartete Renaissance: Mit der neuen Mode der „Zungenpiercings“ war auch die Zungenzange plötzlich wieder in (nicht ganz) aller Munde.

Seit den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts wurden Zangen schließlich zu Körperteilen. Als Prothesen ersetzten sie vielen Kriegsinvaliden die Hände. Auch dieser Einsatzbereich der Zange hat sich dank Digitalisierung und Industrialisierung unglaublich dynamisch entwickelt. Prothesen sind heute hochentwickelte Werkzeuge, die sogar von Gedanken gesteuert werden können. Künstliche Hände oder doch naturgewordene Zangen? Abgrenzungen dieser Art müssen in der Gegenwart immer neu gemacht werden, denn zu viel hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in den Grundlagen verändert.

Mehr zum Thema „Zangen“ sehen Sie heuer übrigens auf der Schallaburg im Rahmen der Ausstellung „Der Hände Werk“, wo sich alles um die Hand, das Handwerk und unsere Gesellschaft im Spannungsfeld zwischen Produktion und Kreation dreht.

Noch bis 3. November 2019 auf der Schallaburg!

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